Jüdisch-muslimische Beziehungen in Geschichte und Gegenwart


BEGEGNUNG VON JUDEN UND MUSLIMEN IM ‚MITTELALTER‘


Diese schöne Geschichte von einem Juden wurde mir von Musa ibn Muhammad al-Qabbab aus Cordoba berichtet, dem Muezzin in der heiligen Moschee in Mekka – möge Gott sich seiner erbarmen. Es war das Jahr 599 [nach der Hidschra/1203 n.Chr.]. Er erzählte mir von einem Mann aus Kairouan, der sich vorgenommen hatte, die Pilgerreise anzutreten, aber sich nicht entscheiden konnte, ob er dafür den Landweg oder den Seeweg nehmen sollte. Mal neigte er zum Landweg, mal zum Seeweg. Deswegen beschloss er, am nächsten Morgen die erste Person, die er treffen würde zu fragen und seine Meinung zu akzeptieren. Nun war die erste Person, die er traf, ein Jude. Zunächst war er irritiert. Aber dann fasste er sich ein Herz und sagte zu sich selbst: ‚Bei Gott, ich sollte ihn sofort fragen! ‛. Daraufhin sagte er: ‚O Jude, ich möchte dich über meine anstehende Reise nach Rat fragen. Soll ich über den Landweg oder den Seeweg reisen?‛ Der Jude antwortete: ‚Gepriesen sei Gott! Ist das eine Frage, die jemanden wie dich beschäftigt? Siehst du nicht, dass Gott dir in deinem Buch folgendes sagt: ‚Er ist es, der sie über dem Landweg und dem Seeweg reisen lässt‛ (10:22)? Er nannte erst den Landweg und dann den Seeweg. Darin hat Gott ein Geheimnis gelegt, und er weiß, dass du dessen würdig bist. Er hat zuerst den Landweg genannt und dann den Seeweg, damit der Reisende seine Reise über den Landweg antrete.‛ Der Mann sagte: ‚Ich war über seine Worte von Staunen erfüllt. Ich reiste auf festem Boden, und bei Gott ich hatte noch nie eine solche Reise erlebt. Gott hat mir einen größeren Segen gewährt, als ich es mir gewünscht hatte.‛

Diese kleine Geschichte aus „Al-Futuḥāt al-makkiyya“ dem monumentalen Meisterwerk Muḥyiddīn Ibn ʿArabīs (gest. 1240) verrät uns einige interessante Details über das Zusammenleben von Juden und Muslimen unter muslimischer Herrschaft. Die Tatsache, dass der Mann aus Kairouan (im heutigen Tunesien) direkt einen Juden antreffen konnte, als er das Haus verließ, zeigt, dass Juden und Muslime nicht in Parallelwelten voneinander getrennt lebten, sondern gemeinsam in einer Nachbarschaft. Einen Juden in einer gottesdienstlichen Angelegenheit (Pilgerfahrt) nach Rat zu fragen und diesen auch anzunehmen deutete auf ein Klima des gegenseitigen Vertrauens und Respekts hin. Der jüdische Nachbar tritt hier im Stile eines Muftis auf, der sich bestens im Koran auskennt und der mit den ihm bekannten Interpretationsformen aus der Talmudexegese eine „fatwa“ erteilt, wie der Mustafti (der Ratsuchende) sich verhalten soll. Das heißt, sie verbindet nicht nur die gleiche Sprache, nämlich das Arabische, sondern auch ein ähnlicher religiöser und kultureller Horizont, was wiederum auf eine erhebliche Vertrautheit schließen lässt. Schließlich ist es auch bezeichnend, dass derjenige von dem diese Geschichte überliefert wird Mūsā (Moses) ibn Muḥammad, übersetzt also Moses, der Sohn von Muḥammad heißt. In diesem Namen vereint sich der Name eines Propheten, der sowohl im Judentum als auch im Islam geehrt wird. Solche Begegnungen zwischen Juden und Muslimen gehörten in vielen Gebieten der islamischen Welt bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zum Alltag. Diese jahrhundertealte muslimisch-jüdische Symbiose (Goitein) erhielt während der Kolonialisierung muslimischer Länder die ersten Risse, bevor sie mit der Entstehung verschiedener Autonomiebestrebungen (z.B. arabischer Nationalismus oder zionistische Nationalbewegung) im Zuge des Israel-Palästina-Konfliktes in den Hintergrund rückte.

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