Fachdisziplinen der klassischen islamischen Theologie (al-ʿulūm aš-šarʿiyyah)

Die islamische Theologie basiert auf einer selbstreflexiven wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Quellen, der Glaubenslehre und der Praxis der islamischen Religion aus einer muslimischen Binnenperspektive. Mit anderen Worten versteht sich die Theologie als das Bemühen von Gläubigen, die Inhalte ihrer Religion systematisch zu erfassen und darzulegen. Eine Theologie ist zugleich auch eine wissenschaftliche Theologie, wenn sie die profanen Wissenschaften ihrer Zeit berücksichtigt und sich am Maßstab dieser Wissenschaften für Wissenschaftlichkeit messen lassen will. Die klassische Form der islamischen Theologie zeichnet sich also durch zwei wesentliche Eigenschaften aus: 1. Binnenperspektive 2. Wissenschaftlichkeit.

Der historische Prozess der Entstehung einer wissenschaftlichen Theologie im Islam setzte schon sehr früh in den ersten Jahrhunderten an. Spätestens mit der Etablierung der philosophischen Disziplinen als Bezugswissenschaft haben sich die einzelnen theologischen Disziplinen  analog zu den philosophischen formiert. Ab dem 11. Jahrhundert kann man von einem klassischen Fächerkanon der islamischen Theologie sprechen. Dieser Fächerkanon hat sich im Laufe der Zeit differenziert, ist aber in den Grunddisziplinen bis in die heutige Zeit bestehen geblieben.

Der klassische Kanon der theologischen Fächer wird in der Regel analog zu den philosophischen Disziplinen in theoretische und praktische eingeteilt, die durch die exegetischen theologischen Disziplinen und den Hilfswissenschaften ergänzt werden.

I – Die theoretischen theologischen Wissenschaften: 

  • Dogmatik (kalām)
  • Prinzipien der Normenlehre (uṣūl al-fiqh)

II – Die praktischen theologischen Wissenschaften:

  • Normenlehre (fiqh)
  • Sufismus (taṣawwuf) 

III – Die exegetischen/textbezogenen theologischen Wissenschaften:

  • Koranauslegung (tafsīr)
  • Ḥadīṯ-Wissenschaft (Ḥadīṯ)

IV – Propädeutische Hilfswissenschaften

  • Sprachbezogene Wissenschaften (ṣarf (Morphologie), naḥw (Grammatik), maʿānī (Bedeutungen), Balāġa (Rhetorik), Badīʿ (Figurenlehre), Waḍʿ (Sprachtheorie), etc.
  • Manṭiq (Logik), munāẓara wa ādāb al-baḥṯ (Disputationslehre) und Ḥikma (Philosophie)

Jedes dieser Kernfächer kann noch in zahlreiche Subdisziplinen unterteilt werden, die sich im Laufe der Jahrhunderte immer weiter ausdifferenziert haben. Der Begriff „islamische Theologie“ als Bezeichnung für die wissenschaftliche Beschäftigung der Muslime mit ihrer Religion ist eine moderne Bezeichnung, die dem deutschen Kontext geschuldet ist. Analog zur katholischen und evangelischen Theologie hat man die neu entstandene universitäre Disziplin der Muslime „islamische Theologie“ genannt. In der klassischen Sprache wurden dafür die Begriffe al-ʿulūm ad-dīniyyah (religiösen Wissenschaften), al-ʿulūm aš-šarʿiyyah (Offenbarungswissenschaften) oder al-ʿulūm al-ʾislāmiyyah (islamische Wissenschaften)verwendet. Am häufigsten wurde die Bezeichnung al-ʿulūm aš-šarʿiyyah (Offenbarungswissenschaften) verwendet, um die theologischen Wissenschaften von den rationalen Wissenschaften (al-ʿulūm al-ʿaqliyya) zu unterscheiden. Diese Unterscheidung nach Offenbarungswissenschaften und rationalen Wissenschaften erfolgt hinsichtlich der Letztbegründung und der Erkenntnisquellen der jeweiligen Wissenschaften. Während in den Offenbarungswissenschaften sowohl die Offenbarungstexte als auch die Vernunft als Erkenntnisquelle herangezogen werden, spielt Ersteres für die rationalen Wissenschaften keine Rolle.

Der Ǧibrīl-Hadith

Bei der Darstellung der verschiedenen Disziplinen der islamischen Theologie wird häufig ein Hadith des Propheten Muhammad (SAW) als Ausgangspunkt genommen. Dieser Hadith, der auch als „Ǧibrīl-Hadith“ bekannt geworden ist, erwähnt die drei verschiedenen Dimensionen der Religiosität und dient als eine gute Basis um die später entstandenen Disziplinen erklären zu können. Im Folgenden soll der von ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb überlieferte Hadith in voller Länge zitiert werden:

ʿUmar – Gott möge an ihm Gefallen haben– sagte:

„Als wir eines Tages mit dem Gottgesandten– Gott segne ihn und gebe ihm Heil – beisammen saßen, trat plötzlich ein Mann vor uns hin, der  strahlendweiße Gewänder trug und pechschwarzes Haar hatte. Kleidern und sehr schwarzem Haar. Keine Spuren einer Reise waren an ihm zu sehen, und keiner von uns kannte ihn. Der Mann setzte sich dann zum Propheten – Gott segne ihn und gebe ihm Heil –, lehnte seine Knie gegen die Knie des Propheten und legte seine Handflächen auf seinen Oberschenkel:

Er sprach: ‚O Muhammad, berichte mir über den Islam!’

Der Gottgesandte – Gott segne ihn und gebe ihm Heil! – sprach:

‚Islam bedeutet, daß du bekennst, dass es keine Gottheit gibt außer Gott und dass Muhammad der Gesandte Gottes ist; dass du das Pflichtgebet verrichtest und die Armengabe leistest; dass du im Ramadân  fastest und zum Hause (Gottes) pilgerst, wenn du in der Lage bist, dies zu tun.’

Der Mann entgegnete: ‚Du hast recht gesprochen!’ Da wunderten wir uns über ihn, wie er den Propheten zuerst fragte und ihm (dann) recht gab.

Der Mann sagte nun: ‚Berichte mir über den Glauben (Īmān)!’

Der Prophet erwiderte – Gott segne ihn und gebe ihm Heil!:

‚[Glauben bedeutet,] dass du an Gott und Seine Engel glaubst, an Seine Bücher und an Seine Gesandten und an den Jüngsten Tag, außerdem, dass du an die Vorherbestimmung glaubst, gleich, ob sie Gutes oder Böses bringt.’

Der Mann sprach: ‚Du hast recht gesprochen!’ Er sagte dann: ‚Berichte mir über den Ihsān!’

Der Prophet antwortete – Gott segne ihn und gebe ihm Heil!:

‚[Ihsan bedeutet,] dass du Gott dienst, als ob du ihn sehen könntest, denn obwohl du Ihn nicht sehen kannst, so sieht Er doch dich.’

Der Mann sagte dann: ‚Berichte mir über die Stunde (des Jüngsten Tages)!’

Der Prophet sprach: ‚Derjenige, der nach ihr gefragt wird, weiß darüber nicht mehr als der Fragende!“

Der Mann sagte schließlich: ‚Berichte mir über die Anzeichen der Stunde!’

Der Prophet sprach:

‚[Ihre Anzeichen sind] dass die Sklavin ihre Herrin zur Welt bringen wird und dass du sehen wirst, wie die Barfüßigen, Nackten, die Besitzlosen, die Schafhirten sich anmaßen, feste Gebäude zu errichten.’

Dann ging er fort: Er verweilte lange Zeit und sprach dann zu mir: „O ´Umar, weißt du, wer der Fragende war?’

Ich antwortete: ‚Gott und Sein Gesandter wissen am besten [weres war]!’

Da sagte der Prophet – Gott segne ihn und gebe ihm Heil! ‚Dies war Gabriel, der zu euch gekommen ist, um euch eure Religion zu lehren!’“[1]

Aus diesem Hadith leiten die Gelehrten die drei Dimensionen der Religion ab, nämlich die Handlungsdimension (islām), Glaubensdimension (īmān) und die moralische/spirituelle Dimension (iḥsān). Während die Handlungsdimension mit den fünf Geboten (Säulen) des Islams und die Glaubensdimension mit den sechs Glaubensartikel beschrieben werden, soll die moralische Dimension durch die  ständige Vergegenwärtigung Gottes den bloßen Formalismus übersteigen und in die innere, tiefere Dimension des Glaubens und Handelns durchdringen. Im späteren Verlauf der Geschichte hat sich die wissenschaftliche Disziplin fiqh zur Erfassung der Handlungsdimension, der ʿilm al-kalām für die Glaubensdimension und taṣawwuf für die moralisch-spirituelle Dimension entwickelt und bildeten seit etwa dem dritten Jahrhundert der Hidschra die drei grundlegenden normativen Disziplinen der islamischen Theologie. Somit wird quasi symbolisch der Erzengel Gabriel als der Begründer der drei theologischen Disziplinen beschrieben, die die späteren Gelehrten entfaltet, ausformuliert und systematisiert hätten. Die theologischen Disziplinen werden somit als theoretische Reflexionen und Explikationen, der in der prophetischen Sunna und im Koran angelegten religiösen Grundlagen verstanden. Die Rolle der islamischen Wissenschaften besteht also darin, die universale göttliche Botschaft in den Offenbarungstexten so zu interpretieren und zu aktualisieren, damit sie auch in unterschiedlichen Kontexten verstanden werden kann.

Neben diesen drei normativen Disziplinen kommen auch die Wissenschaften hinzu, die sich mit den Offenbarungsquellen Koran und Sunna beschäftigen. Die Wissenschaften, die sich mit dem Koran beschäftigen, lassen sich unter der Sammelbezeichnung ʿulūm al-qurān (Koranwissenschaften) zusammenfassen, während die Sunna des Propheten von den Hadithwissenschaften behandelt wird. Hadithwissenschaften und Koranwissenschaften haben die Aufgabe den Bestand des Korans und der Sunna des Propheten als primäre Quellen der Religion und damit auch als Ausgangspunkt aller anderen Disziplinen zu sichern, zu kategorisieren, historisch-kritisch aufzuarbeiten und die Interpretationsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Die Hadith- und Koranwissenschaften lassen sich deshalb als deskriptive Quellenwissenschaften oder als historische Textwissenschaften bezeichnen, weil sie die Aufgabe des Sammelns und Sichtens haben, während die drei hermeneutischen Disziplinen kalām, fiqh und tasawwuf als normative Disziplinen die Aufgabe haben aus den Quellen Normen abzuleiten. Der berühmte Historiker und Universalgelehrter Ibn Ḫaldūn bezeichnet die Koran und Hadithwissenschaften deshalb als die Wissenschaften von den Wurzeln oder Grundlagenwissenschaften (uṣūl), weil sie sich mit der Erschließung der primären Offenbarungsquellen beschäftigen. Die normativen Wissenschaften wie kalām, fiqh und taṣawwuf bezeichnet er als die Wissenschaften von den Zweigen oder Zweigwissenschaften (furūʿ), weil sie die Aufgabe haben von den Quellen/Wurzeln die Normen/Zweige abzuleiten. Zu den drei normativen Disziplinen kommt noch eine vierte Kerndisziplin der islamischen Theologie hinzu, die man uṣūl al-fiqh nennt. Uṣūl al-Fiqh gilt als die Quellen und Normenlehre der islamischen Wissenschaften und bietet eine allgemeine Erkenntnis und Methodenlehre an, die in allen Disziplinen Anwendung finden kann. Ergänzt wurden die quellenbezogenen und die normativen theologischen Fächer durch ein Studium der propädeutischen Hilfswissenschaften, das dem eigentlichen Studium der theologischen Fächer vorangestellt wurde. Ähnlich wie im lateinischen Mittelalter das Studium des Triviums mit Grammatik, Logik und Rhetorik vorbereitend für die Beschäftigung mit der Theologie obligatorisch war, so wurden diese Fächer in der islamischen Welt als handwerkliches Grundzeug ausführlich studiert. Neben den verschiedenen sprachbezogenen Disziplinen wie Morphologie, Grammatik und Rhetorik, wurden Logik und Erkenntnistheorie sowie Argumentations- und Beweislehre studiert, wodurch die Gelehrten zum Studium der eigentlichen Wissenschaften befähigt wurden.

Somit entsteht folgendes Schema der theologischen Disziplinen.

QuellenwissenschaftenNormative WissenschaftenHilfswissenschaften
KoranwissenschaftenTafsīr (Koranexegese)Qirʾāt (Lesarten)HadithwissenschaftenFiqh (Normenlehre)Tasawwuf (Sufi-Lehre)Kalām (Dogmatik)Uṣūl al-fiqh (Prinzipien der Normenlehre)  SprachwissenschaftenLogik, PhilosophieGeschichte

In einem weiteren Artikel soll das Verhältnis zwischen den theologischen Wissenschaften und den propädeutischen Hilfswissenschaften, wie Logik, Sprachwissenschaften und Disputationslehre näher behandelt werden. Diese und andere Hilfswissenschaften bildeten bis in die Neuzeit den Grundstein des Theologiestudiums in fast allen Gegenden der islamischen Welt, wodurch eine gemeinsame, einheitliche Kommunikationsstruktur für alle Teilnehmer des Diskurses gewährleistet werden konnte. In der zeitgenössischen muslimischen Welt wurden diese propädeutischen Wissenschaften jedoch zugunsten religiöser Inhalte zurückgedrängt, wodurch ein bis heute anhaltender Methodenrelativismus oder Methodenchaos entstanden ist. Mehr im nächsten Artikel.

Lektüreempfehlung:

Jens Bakker, Normative Grundstrukturen der islamischen Theologie, Berlin 2012.


[1] Al-Nawawī, Das Buch der vierzig Hadithe. Aus dem Arabischen übersetzt und herausgegeben von Marco Schöller, Verlag der Weltreligionen 2007.

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