Hadith vs. Rechtsschule – Wenn Hadithe der Rechtschulmeinung widersprechen!

In unserer dieswöchigen Fiqh-Sitzung haben wir uns über die Unterschiede zwischen der hadithwissenschaftlichen und rechtswissenschaftlichen Beurteilung der Āḥād-Hadithe unterhalten und die Frage gestellt, warum klassische Rechtsgelehrte manche ṣaḥīḥ-Hadithe nicht in ihrer Normenlehre als Quelle berücksichtigten oder Normen produziert haben, die solchen authentischen Hadithen widersprechen. In der Tat lassen sich einige Unterschiede feststellen, die hier kurz anhand einiger Beispiele dargestellt werden sollen.

In Imām Māliks Muwaṭṭa und auch in al-Buḫārīs Ṣaḥīḥ-Sammlung kommt das folgende Hadith in unterschiedlichen Varianten vor. Hier soll die Version zitiert werden, die in beiden Hadithwerken vorkommt:

حَدَّثَنِي يَحْيَى، عَنْ مَالِكٍ عَنْ نَافِعٍ، عَنْ عَبْدِ اللَّهِ بْنِ عُمَرَ أَنَّ رَسُولَ اللَّهِ صَلَّى اللهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ قَالَ: «الْمُتَبَايِعَانِ كُلُّ وَاحِدٍ مِنْهُمَا بِالْخِيَارِ عَلَى صَاحِبِهِ، مَا لَمْ ‌يَتَفَرَّقَا إِلَّا بَيْعَ الْخِيَارِ»

Yaḥyā berichtete von Mālik, von Nāfiʿ, von Ibn ʿUmar, dass der Gesandte Allahs – Gottes Segen und Frieden sei mit ihm- sagte: Beide Verkaufsparteien haben solange ein Widerrufsrecht gegenüber der anderen Partei bis sie auseinandergetreten sind, außer beim Kauf mit einer Widerrufsklausel.“[1]

In diesem Hadith geht es um das sogenannte Widerrufsrecht der Sitzung (ḫiyā-r al-maǧlis), wonach die beiden Parteien nach dem der Verkaufsakt durch Angebot (īǧāb) und Annahme (qabūl) zustande gekommen ist, dennoch den Kauf widerrufen können, solange sie noch am selben Ort sind, also nicht „auseinandergetreten“ sind. Normalerweise ist mit dem Zusammenkommen von Angebot und Annahme der Kaufvertrag vollzogen und zum Abschluss gekommen, wodurch ein Widerrufsrecht ab diesem Zeitpunkt nicht mehr vorhanden ist. Im Wortlaut dieses hadithes wird den Parteien aber dennoch das Recht gegeben den Vertrag zu widerrufen. Während die Schafiiten und die Hanbaliten dem Wortlaut dieses Hadithes folgen und das Widerrufsrecht einräumen, lehnen die Malikiten und Hanafiten ein solches Recht ab und behaupten, dass mit dem Zusammenkommen von Angebot und Annahme der Vertrag als beendet gilt. Warum entsteht diese Differenz und warum orientieren sich die Hanafiten und Malikiten nicht nach diesem Hadith?[1]

Wenn wir uns die Überlieferungskette anschauen, so sehen wir, dass dieses Hadith von Ibn Umar, Nafi und Malik überliefert wird und zu den authentischsten Überlieferungsketten überhaupt gehört. Über die Authentizität des Hadithes und der Glaubwürdigkeit der Tradenten gibt es also keinen Zweifel. Es erfüllt alle Kriterien der Hadithwissenschaftler, die sie an Einzelüberlieferungen gestellt haben. Warum wird dieses authentische Hadith dennoch nicht berücksichtigt?

Fragen wir Imam Mālik, was er dazu zu sagen hat:

Dieses Hadith befindet sich wie schon oben angeführt in seiner Muwaṭṭa-Sammlung, das heißt, die Ausrede man habe dieses Hadith nicht gekannt, ist auszuschließen. Er selbst überliefert dieses Hadith und kommentiert es direkt im Anschluss und nennt auch den Grund für die Nichtberücksichtigung im Fiqh: Er sagt:

 قَالَ مَالِكٌ: وَلَيْسَ لِهَذَا عِنْدَنَا حَدٌّ مَعْرُوفٌ، وَلَا أَمْرٌ مَعْمُولٌ بِهِ فِيه[1]

„Dafür gibt es bei uns weder eine bekannte Regelung noch eine entsprechende Praxis.“ Imam Malik sagt also, dass in Medina, in der Stadt des Propheten, die Kaufverträge nicht so abgeschlossen werden, wie in diesem Hadith beschrieben. Ein Widerrufsrecht nach dem Abschluss von Angebot und Annahme gäbe es in der medinensischen Praxis nicht. Dieses Hadith widerspricht also der Praxis der Medinenser. Bei einer Kollision zwischen einzelnen Hadithen und der Praxis in  Medina bevorzugt Malik wie bekannt die Praxis der Medinenser gegenüber einer einzelnen Überlieferung. Malik sagt also implizit, dass dieses Hadith entweder falsch überliefert wurde oder in einem anderen Sinne zu verstehen ist, als es der äußere Wortlaut hergibt. Die Hanafiten interpretieren dieses Hadith ähnlich wie die Malikiten und lesen es im übertragenen Sinne, so dass es der gängigen Praxis, die sie für die authentischere Auslegung der Sunna halten, entspricht. Imam Maliks Hadithsammlung Muwaṭṭa wurde von verschiedenen Tradenten überliefert unter anderem auch von Muhammad Hasan aš-Šaybānī, dem engsten Vertrauten Abu Hanīfas und einer der Begründer der hanafitischen Rechtsschule. Er überliefert ein Hadith und kommentiert dieses und setzt es in Bezug zur eigenen Rechtsschule. Nachdem er das oben genannte Hadith überliefert, sagt er, dass die hanafiten dieses Hadith akzeptieren, allerdings anders verstehen. Die Aussage „bis sie auseinandergehen“ (mā lam yatafarraqā) meine nicht das Auseinandergehen im physischen Sinne, dass beide den Ort des Kaufvertrags verlassen müssen, sondern damit sei der Abschluss des Vertrags gemeint. Wenn der Verkäufer den Satz „Ich habe diesen Gegenstand verkauft“ äußert und das Angebot macht und der Käufer daraufhin mit dem Satz „Ich habe es gekauft“ erwidert, sei der Kaufvertrag abgeschlossen und somit seien die Parteien durch diese Aussagen „auseinandergegangen“. Das Widerrufsrecht bestehe bis der Käufer den Kauf bestätigt und nicht solange bis die Parteien physisch auseinandergehen, wie der Wortlaut des Hadithes zu verstehen gibt. Diese Interpretation ist eigentlich weit hergeholt und ergibt nur im breiteren Kontext unter Berücksichtigung anderer Überlieferungen und der gängigen Praxis einen Sinn.  Auch die Malikiten verstehen dieses Hadith im übertragenen (maǧāz) und nicht im eigentlich wörtlichen Sinne (ḥaqīqa). Der eigentliche Grund für die Wahl der übertragenen Bedeutung ist der Umstand, dass dieses hadith der gängigen Praxis dieser „Schulen“ in Medina und in Kufa widersprach. Hier der Kommentar von aš-Šaibānī:

٧٨٥ – أَخْبَرَنَا مَالِكٌ، أَخْبَرَنَا نَافِعٌ، عَنْ عَبْدِ اللَّهِ بْنِ عُمَرَ، أَنّ رَسُولَ اللَّهِ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ قَالَ: «الْمُتَبَايِعَانِ كُلُّ وَاحِدٍ مِنْهُمَا بِالْخِيَارِ عَلَى صَاحِبِهِ مَا لَمْ ‌يَتَفَرَّقَا، إِلا بَيْعَ الْخِيَارِ» .

قَالَ مُحَمَّدٌ: وَبِهَذَا نَأْخُذُ، وَتَفْسِيرُهُ عِنْدَنَا عَلَى مَا بَلَغَنَا عَنْ إِبْرَاهِيمَ النَّخَعِيِّ أَنَّهُ قَالَ: الْمُتَبَايِعَانِ بِالْخِيَارِ مَا لَمْ ‌يَتَفَرَّقَا، قَالَ: مَا لَمْ ‌يَتَفَرَّقَا عَنْ مَنْطِقِ الْبَيْعِ إِذَا قَالَ الْبَائِعُ: قَدْ بِعْتُكَ فَلَهُ أَنْ يَرْجِعَ مَا لَمْ يَقُلِ الآخَرُ: قَدِ اشْتَرَيْتُ، فَإِذَا قَالَ الْمُشْتَرِي: قَدِ اشْتَرَيْتُ بِكَذَا وَكَذَا فَلَهُ أَنْ يَرْجِعَ مَا لَمْ يَقُلِ الْبَائِعُ قَدْ بِعْتُ. وَهُوَ قَوْلُ أَبِي حَنِيفَةَ، وَالْعَامَّةِ مِنْ فُقَهَائِنَا

Die Schafiiten und Hanbaliten hingegen folgen dem Wortlaut des hadithes und gewähren ein solches Widerrufsrecht und haben nicht das Bedürfnis den Inhalt des authentischen Hadithes anhand externer Kriterien zu überprüfen. Wenn ein Hadith von vertrauenswürdigen und kompetenten Gewährsmännern überliefert worden ist, dann gilt das Hadith als ṣaḥīḥ, also müsse dieses Hadith auch für die Praxis berücksichtigt werden. Für die Hanafiten und Malikiten hingegen reichen diese Kriterien der Hadithwissenschaftler nicht aus, weshalb sie noch weitere Kriterien für die Gültigkeit eines Hadithes anführen, wie z.B. dass ein einzelnes Hadith der medinensischen Praxis in Medina bei den Malikiten oder den allgemeinen Prinzipien der Rechtsschule der Hanafiten oder eindeutigen Koranversen nicht widersprechen darf. Denn die allgemeinen Prinzipien (uṣūl) in der hanafitischen Schule seien von vielen einzelnen Überlieferungen durch Induktion gewonnen worden und widerspiegele somit die Logik und den Geist der prophetischen Sunna und des Korans, weshalb sie gegenüber Einzelberichten ein höheres Gewicht haben. Bei der Bewertung und Interpretation der Einzelhadithe gibt es also Unterschiede zwischen den Rechtsgelehrten (fuqahāʾ) und den Hadithgelehrten (muḥadditūn). Im Prinzip gibt es natürlich auch bei den Schafiiten solche Extrakriterien, aber tendenziell lässt sich sagen, dass die Schaffiiten und Hanabliten der hadithorientierten Auslegungsmethode näher sind als die Hanafiten und Malikiten, die man eher der systematisierenden Schule (ahl ar-ra’y) zuordnen würde. Natürlich sind das sehr vereinfachende Kategorisierungen, die man, wenn man ins Details geht, wahrscheinlich wieder aufgeben würde:). Nicht jedes Hadith, das an sich gesehen den Sahihkriterien der Hadithgelehrten entspricht, wird von den Rechtsgelehrten für die Normfindung berücksichtigt, weil es noch zusätzlich den allgemeinen Prinzipien der jeweiligen Rechtsschule entsprechen muss. Es gibt aber viele Beispiele, in denen die Rechtsgelehrten oder sogar Hadithgelehrte selbst die kontextbedingte Einschränkung einiger Sahih-Hadithe bestätigen, weshalb solche Hadithe nicht auf andere Kontexte übertragbar wären und somit nicht als Quelle für die Normfindung berücksichtigt werden können. Ein Beispiel dafür: Es wird im Sahih al-Muslim überliefert, dass der Prophet es verboten hat, die Fundsachen der Pilger [während der Umrundung der Kaaba] aufzuheben (annahū nahā ʿan luqaṭat al-ḥāǧǧ). D.h. wenn Pilger etwas fallen lassen, dürfe niemand das verlorene Gut aufheben, damit der Pilger den Gegenstand wieder finden kann. Soweit der Wortlaut. Der malikitsche Gelehrte und Hadithgelehrte Ibn Wahb hingegen, der im Jahre 813 starb, kommentiert dieses Hadith ähnlich wie Imam Malik im obigen Beispiel. Er sagt, dass man heutzutage (also etwa 150 Jahre später) nicht mehr so handelt (lā ʿamal ʿalā hādha fī hādha az-zamān), weshalb man den Inhalt dieses Hadithes nicht mehr für die damalige Zeit berücksichtigen könne. Der Diebstahl sei verbreitet in Mekka und auch um die Kaaba herum, weshalb der Pilger höchstwahrscheinlich das verlorene Gut nicht wiederfinden kann, weil es längst von den herumlaufenden Dieben mitgenommen würde. Er will also sagen, dass der Prophet bei dieser Aussage seinen eigenen Kontext berücksichtigt hat und dass er, wenn er die heutige Situation berücksichtigte, seine Aussage revidiert hätte. Auf diese oder ähnliche Art und Weise lassen sich viele Aussagen aus den Hadithen interpretieren. Davon gibt es reichliche Beispiele in den Hadith oder Fiqh-Werken.  Deshalb sieht man häufig, dass besonders Hanafiten und Malikiten, aber manchmal auch die anderen Rechtsschulen sahih-hadithen „widersprechende“ Meinungen vertreten. In diesen Fällen werden diese Hadithe mit den Methoden der uṣūl al-fiqh so interpretiert, dass sie entweder als abrogiert, spezifiziert oder durch Interpretationen mit anderen Überlieferungen und den koranischen Aussagen in Einklang gebracht wurden. Die Rechtsgelehrten hatten also zusätzlich zu den Regeln der Hadithgelehrten weitere Kriterien für die Akzeptanz einzelner Hadithe eingeführt, die sie dann konsistent in das Gesamtgefüge integriert haben. Nicht nur die Überlieferungskette war also wichtig, sondern auch der Inhalt der Hadithe.


[1] Mālik, Muwaṭṭa, S. 671.


[1] Eine ausführliche Diskussion gibt es bei Ibn Rušd, Bidāyat al-muǧthaid wa nihāyat al-muqtaṣid, Dār al-Ḥadīth Kairo 2004, Bd. 3. S. 187-189.


[1] Mālik b. Anas, Muwaṭṭa, Dār iḥyā at-turāṯ al-ʿarabī, Beirut 1985, S. 671.

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