Warum eine Vertrauenshermeneutik legitim ist!

lch habe mit viel Freude die Antwort meines Kollegen Serdar Kurnaz auf meine Replik gelesen, wofür ich mich sehr bedanke. Die deutliche Absage an die Niedergangsthese finde ich in diesem Zusammenhang sehr wichtig, so dass der Fokus tatsächlich auf das heutige Verstehen der Tradition gerichtet wird. Im Folgenden möchte ich ganz kurz auf zwei Aspekte aus dem Beitrag eingehen.

Kurnaz vertritt die These, dass die Begriffe vertrauen und Verdacht nicht geeignet sind, um die komplexe Wissenschaftstradition zu verstehen. Sie würden eine wissenschaftliche Betrachtung des Gegenstandes eher verhindern. Verdachtshermeneutik und Vertrauenshermeneutik sind aber zwei etablierte Begriffe im traditionstheoretischen und hermeneutischen Diskurs, die zwei unterschiedliche vielleicht paradigmatische Herangehensweisen beschreiben und deshalb sehr wohl im wissenschaftlichen Diskurs verwendet werden können. Während in Anlehnung an Paul Ricoeur die Verdachtshermeneutik eher für eine traditionskritische Ausrichtung steht, wird die Vertrauenshermeneutik meist als eine traditionsbewahrende Ausrichtung verstanden, wie sie paradigmatisch von Hans Georg Gadamer vertreten wurde. Mein Ansatz war es zwischen diesen beiden zu vermitteln und einen bewahrenden Umgang mit einem kritischen zu kombinieren, deshalb „kritische Vertrauenshermeneutik“. Serdar Kurnaz These, dass die beiden Begriffe Vertrauen und Verdacht der komplexen Tradition nicht gerecht werden, stimme ich insofern zu, als dass eine reine Verdachts- und reine Vertrauenshermeneutik nicht ausreichen. Er übersieht aber, dass ich gerade deshalb ja eine vermittelnde Position vorgeschlagen habe. Also eine Vertrauenshermeneutik flankiert mit einer Traditionskritik im Sinne der Wahrheitsfindung. Dass er auf diese Begriffe verzichten möchte, verstehe ich natürlich, aber dennoch lässt sich der Begriff der Vertrauenshermeneutik im wissenschaftlichen Diskurs fruchtbar machen.

Um das Ganze etwas kürzer zu fassen: Serdar Kurnaz schlägt eine Metaperspektive vor, in der er außerhalb jeglicher Tradition stehend die Traditionsdiskurse einer kritischen Überprüfung unterzieht und am Ende beurteilt welche Aspekte der Tradition für unsere Gegenwart fruchtbar gemacht werden können. Als Rahmen dienen Koran und Sunna, als Methode Historisierung, Dekonstruktion und Konstruktion.

Ich denke aber, dass man die kritische Überprüfung der Traditionen auch ausgehend von einer Tradition, d.h. sich in der Tradition verortend vollziehen kann. Das Vertrauen auf eine Tradition schließt eine kritische Betrachtung der Traditionsgehalte nicht per se aus. Dass, was ich mit den drei Relationsgefügen des Musters meine (Text, Bezugsmuster, Anwendungsmuster), deckt sich weitestgehend mit den drei Schritten von Kurnaz (Historisierung, Dekonstruktion und Konstruktion), außer dass sie von einer inneren Systematik der Tradition ausgehend diese Schritte vornimmt. Die externen Kriterien (u.a. auch Koran und Sunna), die Kurnaz anführt, werden in einem traditionalen Verständnis in das Gesamtgefüge integriert. Die Vertrauenshermeneutik wird quasi der kritischen Betrachtung vorangestellt. Das traditionale Verständnis, wie ich es in meinem letzten Beitrag dargestellt habe, erhebt nicht den Anspruch die absolute, unumstößliche Wahrheit zu besitzen. Auch habe ich nicht behauptet, dass dies die einzig mögliche legitime Herangehensweise ist. Sie ist aber genauso legitim wie alternative Herangehensweisen. Die innere Logik wovon ich sprach ist auch keine überzeitlich gültige Logik. Ich sprach an keiner Stelle meines Beitrags von einer überzeitlichen Gültigkeit der Tradition oder der inneren Logik, sondern von einer allgemeinen inneren Logik einer Tradition, verstanden als Muster, die nicht an eine konkrete historische Situation gebunden ist, sondern allgemein ist. Das ist ein deutlicher Unterschied zu einer überzeitlichen Gültigkeit, was ich ebenfalls ablehnen würde. Diese innere Logik besteht aus unterschiedlichen hermeneutischen, praktischen und inhaltlichen Elementen, die die ausufernde Vielfalt innerhalb einer Tradition ordnet und in eine bestimmte Richtung lenkt und somit handlungsorientierend wirkt. Ohne eine innere Logik kann es auch keine Tradition geben, da sie dann nicht über Generationen hinweg und überregional vermittelbar und wiederholbar wäre. Jede komplexe Tradition verfügt über eine innere Logik, das ist erstmal eine Feststellung. Ob man diese für die gegenwärtige Theologie als Orientierung zugrunde legt oder nicht, ist dann eine andere Frage.

Kurnaz geht es glaube ich darum, dass man die nötige Distanz zu traditionellen Handlungsmöglichkeiten haben muss, um vernünftig darüber zu reflektieren. Wenn die nötige Distanz fehlt, wäre man befangen gegenüber der eigenen Tradition. Ihm geht es nicht um eine Verurteilung der Tradition, sondern um eine Abstandnahme, wodurch eine sachliche Abwägung des Traditionsmaterials erfolgen kann, ohne sich in einem Handlungszwang aus einer Traditionsgebundenheit fühlen zu müssen. Ich sage aber, dass diese Gefahr zwar besteht, aber nicht notwendigerweise eintreten muss. Man kann der Tradition insgesamt vertrauen, aber in jedem einzelnen überlieferten Fall konkret überprüfen, wie mit dem Material umzugehen ist. Ich würde also mit Gadamer für eine Bewahrung der Tradition plädieren, diese aber durch konkrete und nicht allgemeine Überlieferungskritik flankieren.

In einem weiteren Beitrag werde ich ausführen, wie eine traditionale Herangehensweise, verstanden als Muster, seitens zeitgenössischer muslimischer Theologen und Rechtsgelehrte konzipiert wird.

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