Fuat Sezgin und die Wissenschaftsgeschichte ohne Lücken

Am 30.06. jährte sich der  Todestag des bekannten Orientalisten und Wissenschaftshistorikers Fuat Sezgin zum zweiten Mal, weshalb es mehrere Gedenkveranstaltungen zu seiner Erinnerung gab. Auch ich wurde zu einem solchen Gespräch eingeladen, um über das Leben und das wissenschaftliche Ouevre Fuat Sezgins zu reden. Dabei sprachen wir vor allem über einen Aspekt, den Sezgin in seiner Arbeit stets betont hatte und als eines seiner Hauptziele formulierte: Die  arabisch-islamischen Wissenschaften als einen festen Bestandteil der universalen Wissenschaftsgeschichte zu etablieren und somit das verzerrte, gängige Geschichtsbild zu korrigieren, worin die 800 jährige muslimische Phase  komplett ignoriert wird. Dieser Aspekt soll nun ausgehend von seinem Werk „Wissenschaft und Technik im Islam (Band 1)“ ausgeführt werden.

Wissenschaft als das gemeinsame Erbe der Menschheit

„Ich habe getan, was jedermann in seinem Beruf tun sollte: Die Leistungen der Vorgänger mit Dankbarkeit entgegennehmen, etwaige Fehler ohne Scheu verbessern und, was bewahrenswert erscheint, den Nachfolgern und späteren Generationen weitergeben.“

Dieses Zitat stammt von dem großen muslimischen Wissenschaftler, Religionshistoriker und Gelehrten al-Bīrūnī (gest. 440/1048) aus dem 11. Jahrhundert und beschreibt die damals verbreitete Haltung muslimischer Wissenschaftler zum wissenschaftlichen Erbe der Menschheitsgeschichte. Sie sahen die Wissenschaften als das gemeinsame Erbe der Menschheit an, weswegen sie keinerlei Bedenken hatten, griechische, indische oder persische Wissenschaftstraditionen zu übernehmen, deren Leistungen zu würdigen und entsprechend neuerer Erkenntnisse zu korrigieren und weiterzuentwickeln. Fuat Sezgin hat sich ebenfalls in dieser Tradition verortet, weshalb es kein Zufall war, dass er sein fünfbändiges Werk „Wissenschaft und Technik im Islam“ mit dem obigen Zitat von al-Bīrūnī begann. Fuat Sezgin hat seine gesamte wissenschaftliche Laufbahn damit verbracht, den Beitrag der islamischen Welt zur universalen Wissenschaftsgeschichte aufzuzeigen. Er war dabei sicherlich nicht der erste und der einzige, sondern seine Arbeit setzt eine bereits fast 200 Jahre zurückgehende Forschungstradition arabisch-islamischer Wissenschaftsgeschichte voraus, an der vor allem deutsche, französische und englische Orientalisten beteiligt waren. Wer Fuat Sezgins Institut für Geschichte der arabisch-islamischen Wissenschaften besucht, wird feststellen, dass die Bilder derjenigen Orientalisten, die die Erforschung der arabisch-islamischen Wissenschaftsgeschichte vorangetrieben haben, das Treppenhaus des Instituts schmücken. Dadurch wollte er seine Dankbarkeit für deren Leistungen zum Ausdruck bringen. Jean-Jacques Sédillot (1777-1832), dessen Sohn Louis-Amélie (1808-1875), Joseph-Toussaint Reinaud (1795-1867), Franz Woepcke (1826-1864), Eilhard Wiedemann (1852-1928) oder George Sarton (1884-1956) sind einige Namen, die von Sezgin wiederholt erwähnt werden. Das wissenschaftliche Ethos, welches er durch das obige Zitat von al-Bīrūnī für sich beansprucht hatte, zeigte er in seiner Arbeit als Wissenschaftshistoriker, in dem er sich selbst in der Tradition jener Orientalisten verortete, deren Vorarbeiten er dankbar übernahm, etwaige Fehler korrigierte und die Forschung auf eine ganz neue Stufe erhob. Sezgin schaffte durch sein 17-bändiges Hauptwerk Geschichte des Arabischen Schrifttums ein gigantisches Grundlagenwerk, welches schon jetzt zu einer unverzichtbaren Nachschlagequelle für Wissenschaftshistoriker der arabisch-islamischen Wissenschaften geworden ist. Damit schaffte er auch eine gute Grundlage für die Integration der arabisch-islamischen Wissenschaften in die universale Wissenschaftsgeschichte, um eine lückenlose Geschichtsschreibung zu ermöglichen.

Der Beitrag der arabisch-islamischen Kultur: Eine 800-jährige Lücke in der universalen Wissenschaftsgeschichte

Obwohl die islamische Welt zwischen dem 8. und dem 16. Jahrhundert der führende Kulturkreis im Bereich der Wissenschaften war, wurde deren Stellung in der universalen Wissenschaftsgeschichte bislang nicht gebührend gewürdigt, ja systematisch ignoriert und aus der Geschichtsschreibung ausgeschlossen. Genau hier setzt Sezgin an: Ihm geht es vor allem darum dieses fehlerhafte Geschichtsbild zu korrigieren, um eine Wissenschaftsgeschichte ohne Lücken schreiben zu können. Dazu schreibt Sezgin in der Einleitung zu seinem Werk Wissenschaft und Technik im Islam Folgendes:

„Die Rezeption und Assimilation der arabisch-islamischen Wissenschaften im Abendland stieß schon in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, mitten in ihrer aktiven Phase, auf Feindseligkeit und heftige Ablehnung. Diese weitgehend religiös motivierte antagonistische Strömung, die sich trotz gewisser Widerstände bis in das 19. Jahrhundert hinein gehalten hat, hat den Geist und die Darstellungsweise der Historiographie der Wissenschaften in Europa seit dem 16. Jahrhundert tief geprägt. In einer großmaschigen, realitätsfernen Periodisierung der Wissenschaftsgeschichte wird das als Renaissance genannte Phänomen als unmittelbare Fortsetzung der griechischen Periode betrachtet. Bei diesem Zeitsprung bleibt der arabisch-islamischen Kultur bestenfalls die Rolle eines Vermittlers durch Bewahren und Übersetzen gewisser griechischer Werke.“

Der wissenschaftliche Fortschritt in Europa ist nach Sezgin nicht eine unmittelbare Fortsetzung der griechischen Periode, sondern der arabisch-islamischen Kultur. Das Konzept der Renaissance blendet die nahezu 800-jährige Vorreiterrolle der arabisch-islamischen Wissenschaften aus und zieht eine direkte Verbindung zur Antike, welches zwar wissenschaftlich gesehen schon längst widerlegt ist, aber in Schulbüchern oder Überblicksdarstellungen weiterhin dominant ist.

„Der Grund ist vor allem darin zu sehen, daß sich in der Historiographie der Wissenschaften eine Betrachtungsweise hartnäckig hält, welche die vom arabisch-islamischen Kulturkreis etwa achthundert Jahre lang getragene kreative Periode der Geschichte der Wissenschaften ignoriert und damit auch die wissenschaftshistorische Grundanschauung des modernen Menschen bereits in den Schulbüchern prägt. Dieses Urteil gilt nicht allein für das Abendland, sondern im weitestem Sinne auch für den gegenwärtigen arabisch-islamischen Kulturraum, in dem die Schulbücher nach amerikanischen oder europäischen Vorbildern gestaltet werden.“

Wenn hier von arabisch-islamischer Kultur gesprochen wird, dann sind damit nicht ausschließlich die Leistungen muslimischer Wissenschaftler gemeint, sondern auch die der vielen christlichen, jüdischen, manichäistischen oder zoroastrischen Wissenschaftler, die zur Blüte der Wissenschaften beigetragen haben.

Wissenschaftliche Kreativität bis ins 16. Jahrhundert

Fuat Sezgin betont, dass die Muslime nicht bloß Vermittler des griechischen Wissens waren, sondern echte Kulturträger, die sich sehr früh schon im 9. Jahrhundert von ihren griechischen Lehrern losgelöst und die Wissenschaften kreativ weiterentwickelt haben. Die Muslime waren infolgedessen bis ins 16. Jahrhundert in allen Gebieten der Wissenschaften und der Philosophie die führende Kultur bis sie gegen Ende des 16. Jahrhunderts von den Europäern abgelöst wurden. Die Kreativität im Bereich der Wissenschaften habe sehr lange angehalten und ging noch bis in das 16. Jahrhundert weiter. Erst danach sei eine Stagnation und allmählicher Stillstand zu beobachten.

„Die Kreativität setzte sich auf allen Gebieten mit einer verfolgbaren, wenn auch nicht immer linearen Intensität und sogar mit der Etablierung neuer Gebiete der Wissenschaften bis ins 15. Jahrhundert, im einzelnen auch bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, fort. In einer frühen Phase der Erforschung der arabisch-islamischen Wissenschaftsgeschichte bildete sich die Gewohnheit heraus, von einer «goldenen Periode» dieser Wissenschaften zu sprechen, die bereits in der ersten Hälfte des 5./ 11. Jahrhunderts beendet gewesen sei. Mit dieser Vorstellung hängt eine weitere zusammen, nach der mit dem Sturz des Abbasidenreiches durch die Mongolen im Jahre 656/1258 eine Periode der Stagnation der arabisch-islamischen Wissenschaften eingesetzt habe. Zwar befinden sich beide Vorstellungen längst nicht mehr im Einklang mit dem Stand der Forschung, doch machen sie nach wie vor von sich reden. In Wirklichkeit erweisen sich das 13., 14. und auch noch das 15. Jahrhundert in den arabisch-islamischen Wissenschaften als Zeitraum zahlreicher Entdeckungen, Erfindungen und der Begründung neuer Wissensgebiete.“

Fuat Sezgin geht von drei Stadien der Wissenschaften aus: Rezeption, Assimilation und Kreativität. Die Muslime hätten für die Rezeption und Assimilation des griechischen Erbes etwa, je nach Wissenschaftszweig, eineinhalb bis zwei Jahrhunderte benötigt, so dass sie ab dem 9. Jahrhundert schon sich aus dem Schatten ihrer Vorgänger befreiten und in die Kreativität übergingen, welche bis in das 16. Jahrhundert fortdauerte. In Europa hingegen habe die Rezeptions- und Assimilationsphase beginnend mit dem 11./12. Jahrhundert etwa vier bis fünf Jahrhunderte gedauert und erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts seien europäische Wissenschaften in die kreative Phase übergangen und hätten somit ihre arabisch-islamischen Vorgänger abgelöst. „Wir stehen dabei vor dem sich wiederholenden historischen Befund, daß ein Kulturkreis, der zu seiner Zeit in der Wissenschaft führend war, einem Nachfolger den Platz räumen muß, den er selbst gefördert hat und dem er die Waffen an die Hand gegeben hat, mit denen er nun selbst geschlagen wird.“ S. 175

 Der Einfluss muslimischer Wissenschaftler und Philosophen blieb jedoch bis ins 18. Jahrhundert aktuell und erreichte ab der Mitte des 17. Jahrhunderts eine neue Blüte.

„Die Abhängigkeit europäischer Gelehrter von Leistungen des arabisch-islamischen Kulturkreises, die sich noch in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zeigt, beschränkte sich nicht auf die Astronomie, sondern gilt für fast alle Gebiete der Wissenschaften. […] so scheint uns heute zweifelsfrei festzustehen, daß die mathematische Geographie und Kartographie des arabisch-islamischen Kulturkreises ihre europäischen Nachfolger vom 11. bis ins 18. Jahrhundert hinein tiefgreifend beeinflußt hat.“

Die Hauptwege der Wissenschaften in die arabisch-islamische Welt und von der arabisch-islamischen Welt nach Europa

Folgende zwei Karten sollen einmal den Gang des wissenschaftlichen Erbes aus der antiken Welt in die arabisch-islamische Welt und dann den Transfer dieses Wissens aus dem Arabischen in die europäischen Sprachen demonstrieren. Dabei betont Sezgin die Einheit der Geschichte der Wissenschaften, in dem die Wissenschaften als das gemeinsame Erbe der Menschheit gesehen werden und in kontinuierlichen Schritten, wenn auch nicht immer linear und in variierender Geschwindigkeit wachsen. Verschiedene Kulturen haben an diesem Prozess mitgewirkt. Genauso wie die Muslime ab dem 8. Jahrhundert die Griechen als führende Wissenschaftskultur abgelöst haben, so waren es im 16. Jahrhundert die Europäer, die die arabisch-islamische Kultur abgelöst und die Wissenschaften weiterentwickelt haben.  

„Doch wie dem auch sei, wir müssen das Phänomen aus der Sicht der Schicksale der großen Kulturkreise und Zivilisationen betrachten, die, wenn es an der Zeit ist, ihre Position dem Nachfolger einräumen müssen, dessen Aufstieg sie selbst vorbereitet haben. Es geschieht allerdings nicht selten, daß ein Historiker beim Versuch, diese Erscheinung zu begründen, Ursachen mit Akzidenzien verwechselt. Nach unserem Versuch der Begründung scheint die durch ein Zusammenspiel von Kriegen und der «Entdeckung» der neuen Seewege herbeigeführte wirtschaftliche und politische Schwäche der islamischen Welt die Hauptursache für ihre Stagnation in den Wissenschaften gewesen zu sein. Die Ansicht ist wohl nicht wahrheitswidrig, daß die Wissenschaften dort ihre Kraft verloren haben, wo sie sich rund achthundert Jahre lang verströmt haben, und daß sie im Abendland haben weiterwirken können, wohin sie ihren Weg rund fünfhundert Jahre vorher schon gefunden hatten und wo die klimatischen und wirtschaftlichen Bedingungen für eine Fortsetzung der Kreativität günstiger waren. In diesem jüngsten Kulturkreis, dessen Radius sich ständig erweitert, entwickelt sich die von den Vorgängern ererbte Wissenschaft mit großer Geschwindigkeit. In dieser Lage ist die Aufgabe des Wissenschaftshistorikers besonders schwierig, einerseits die Erinnerung an die Bedeutung der Vergangenheit lebendig zu erhalten und andererseits die gängige Darstellung der historischen Entwicklung, die der Realität nicht gerecht wird, zu revidieren und zu korrigieren.“

Leseempfehlung: Wissenschaft und Technik im Islam I, Veröffentlichungen des Institutes für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften, Frankfurt 2003. Hier downloadbar: http://www.ibttm.org/museum/sammlung/Volume1DE.pdf. Seit der Veröffentlichung dieses Werkes (2003) hat sich in diesem Bereich einiges getan. Es gab zahlreiche Publikationen, in denen der Beitrag der arabisch-islamischen Wissenschaften kritisch gewürdigt und die gängige Historiographie weiter in Frage gestellt wurde. Aber dennoch sind die arabisch-islamischen Wissenschaften oder auch die Philosophie weiterhin kein integraler Bestandteil der allgemeinen Wissenschaftsgeschichte oder Philosophie. Hier ist noch viel zu leisten. Es gibt aber gute Ansätze, von denen ich im Bereich der Philosophie zwei Projekte nennen möchte, die dem Ansatz einer „Geschichte ohne Lücken“ folgen.  Das erste Projekt ist die vierbändige Geschichte der islamischen Philosophie von Ulrich Rudolph, die in der Reihe „Überweg –Grundriss der Geschichte der Philosophie“ erscheint und somit in die allgemeine Philosophiegeschichte integriert werden soll. Unter diesem Link gibt es eine Beschreibung des Projektes: https://www.zora.uzh.ch/id/eprint/124536/1/rudolph2016philosophie.pdf. Und hier https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-18807 eine gute Rezension zum ersten Band. Das zweite Projekt ist ein Podcast des Philosophieprofessors Peter Adamson, der mit dem programmatischen Titel „History of Philosophy without any gaps“, darum bemüht ist, außereuropäische Philosophien in die allgemeine Geschichte der Philosophie zu integrieren. Dabei geht er ausführlich auf die islamische Philosophietradition ein. Hier geht es zum Podcast: https://historyofphilosophy.net/islamic-world.

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